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Triedere Heft #17: Indizien des Wertes
Streckenläufer Heft 33: Memory Palace
Nazis und Goldmund: Ich möchte mich endlich zum Unschuldigen äußern

1.12.2017 / Roman-Halbzeit und Wahnsinn

Ciao ihr Homo Sapiense und herzlich willkommen auf meiner Pseudotagebuchseite – nennen wir es lieber Arbeitsjournal. Im Schweiße meines Angesichtes habe ich in den letzten Tagen die erste Hälfte meines Romans Das flüssige Land fertiggestellt, für den ich mich tief in die Recherchen begeben habe. Das Buch wird ein wirklicher Wälzer: Unter 350 Seiten werde ich schlecht zurande kommen – und dann noch die fast altbacken scheinende (und doch so nötige) Kategorie des Antiheimatromans! Meine Tage sehen folglich in etwa so aus: morgens sechs bis sieben Stunden Arbeit am Roman, nachmittags sowie am Wochenende Erledigung von Auftragsarbeiten sowie täglich ein bis zwei Stunden training (vgl. Literazah). Tja, das Schriftstellerdasein wird einem nicht geschenkt.

An der Oberfläche geht es um eine junge Physikerin, die nach dem Tod ihrer Eltern in einer seltsam atavistischen Gemeinde namens Groß-Einland deren Begräbnis organisieren muss. Unter dieser Gemeinde klafft ein sogenanntes Loch: Nach Jahrhunderten des Bergbaus droht die Gemeinde durch diese verästelte Feuchtigkeit abzusinken. Während der NS-Zeit waren dort 2000 Zwangsarbeiter unter Tage, die am Ostermontag 1945 hingerichtet wurden. Eine literarisch wundervolle, und gleichzeitig grauenhafte Metapher natürlich!

Obwohl alle möglichen österreichischen Gemeinden nachempfunden ist (Attnang-Puchheim, Kirchberg am Wechsel u.a.) ist für dieses „Loch“ doch meine eigene Heimatgemeinde Hinterbrühl, eine Vorstadt Wiens, das Vorbild gewesen. Sie ist heute ein Schaubergwerk, im 2. Weltkrieg wurden dort aber Flugzeuge für die Wehrmacht produziert – und zwar von exakt den 2000 Zwangsarbeitern, die ich im Roman nenne. Auch die Osermontags-Ermordung ist leider keine Erfindung – und noch immer gibt es konstantes Schweigen über die Ereignisse, wenig flächendeckende Aufarbeitung. Meine momentane Aufgabe ist es, Zeitzeugen aufzuspüren, und dabei muss ich naturgemäß vor allem: schnell sein. Bald werden sie alle weggestorben sein.

Der eigentliche, also politische Anstoß war zusätzlich das Aufstreben der identitären Bewegung und die für mich evidente Notwendigkeit, unser heutiges Verhältnis zum Nationalsozialismus zu thematisieren. Was verbirgt sich hinter dem Heimatkitsch? Wie wirkt es sich aus, dass dieser Tage die letzten Zeitzeugen sterben? Warum bricht so viel hervor, wenn doch immer gesagt wird, alles sei aufgearbeitet? An diesen Fragen werde ich mich sicherlich noch ein weiteres Jahr abarbeiten müssen.