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Das flüssige Land (Manuskript)

Nach dem unerwarteten Tod von Vater und Mutter muss die junge Physikerin Ruth plötzlich ein Begräbnis organisieren. Doch das gestaltet sich schwierig: Die elterliche Heimatgemeinde Groß-Einland, von der ihr immer erzählt wurde, und in der beide beerdigt werden wollten, findet sich weder auf der Landkarte noch im Kommunalverzeichnis. Nachdem die ländliche Herkunft ihrer Familie von Ruth immer unter den Tisch gekehrt worden war, hatte sie bisher nie Interesse an einem Besuch gehabt und die Eltern hatten nie darauf gedrängt.

Nun bricht sie, verstört von der Neuigkeit, sofort auf, obwohl sie gar nicht weiß, wohin sie fahren soll. Nach Wochen des Mäanderns durch die Landschaftspanoramen der Voralpen stößt sie, mehr durch Zufall, endlich auf Groß-Einland, und begreift, weswegen es zunächst unauffindbar war: Das gesamte Ortsgebiet befindet sich auf dem Privateigentum eines eigentlich ausgestorbenen Adelsgeschlechts. Dieser eigentümliche, traumartige Ort "gehört" dem verschrobenen Grafenpaar Knopf- Korb-von-Weidenheim. Ehe Ruth sich versieht, ist sie Teil der kleinbürgerlichen Gesellschaft, denn die Gräfin entwickelt eine an Besessenheit grenzende Fixierung auf sie. Aus den ursprünglich geplanten Tagen zur Beerdigung werden schließlich Jahre des Aufenthalts, in denen Ruth immer tiefer in ihre eigene Familiengeschichte stößt.

Hintergründe und Antiheimat

Das Flüssige Land beschäftigt sich intensiv mit dem, was die Aborigines die "Traumzeit" nennen: Die zeit- und raumlose Schöpfungsgegenwart, in der Mythen, Ursünden, Archetypen und Sprachmuster eines Volkes sich zu einem Landschaftsgewebe vereinigen. In diesen fleischwerdenden Topoi eines Landes, den vergegenständlichten Erinnerungen, stellt sich letztlich mehr als alles die Frage, was für junge Österreischer das kollektive Erbe unserer Vergangenheit bedeutet. In Das flüssige Land ersteht jene "Kollektiverinnerung" ganz leiblich auf, und verwebt die dörfliche Struktur zu einem opaken Traumgewebe.

Das Aufkommen der Identitären Bewegung sowie die Tendenz zu rechtsradikalen Politpositionen in Europa haben die Fragestellung des Buches für mich unumgänglich gemacht. Heimat- und Identitätsbegriffe werden wieder stärker in den medialen Fokus gerückt und zum ersten Mal seit '45 wieder in stolzer, unreflektierter Weise verwendet. Die Hauptfigur Ruth reist nicht metaphorisch sondern ganz real in die Untiefen ihrer Familiengeschichte, und das aus einem ganz bestimmten Grund: Die Traumzeit-Thematik schien mir vor allem wegen der (in der Fußnote angesprochenen) Unschuldsthese der Natur angeraten, die im Österreich (und natürlich auch Deutschland) der 50er-Jahre grassierte.

Ihre ideologische Aufladung soll im Text knistern und sich in Gewittern entladen, die Gipfel sich krachend verschieben und die Wälder sich unter der Last des Geschehenen biegen, bis die Fragen hervortreten, um die es mir geht: Kann unsere Heimat jemals wieder neutral oder gar authentisch sein? Gibt es eine Kollektiverinnerung, die in unaufmerksamen Momenten in unseren Gehirnwindungen erwacht? Und kann die Vergangenheit jemals nichts mit uns zu tun haben?